Impuls zum 03. Oktober - Einheit in Verschiedenheit
Schon die allerersten Jünger Jesu rangelten wie kleine Jungs darum, wer am Tisch des Chefs am nächsten sitzen durfte. Die Urapostel Petrus und Paulus waren darüber uneins, wie konservativ oder wie liberal ihre Gemeinden leben sollten. Sie trennten sich schließlich geografisch und fanden in unterschiedlichen Milieus Gehör. Seit Beginn der Kirchengeschichte fächerten sich die Konfessionen der Kirchen auf. Die Kopten in Ägypten und die Aramäer im Mittleren Osten gehören zu den ältesten christlichen Kirchen. Immer wieder trennten sich Gruppen und entwickelten eigene Formate. Zu den prominentesten Abzweigungen gehören etwa um die Jahrtausendwende die Kirchen der Orthodoxie und ein weiteres halbes Jahrhundert später die Kirchen der Reformation. Daneben gab es noch die Reformbewegungen der Bettelorden mit dem Anspruch, der Botschaft Jesu in klösterlicher Bescheidenheit gerecht zu werden; sich von der Welt auch räumlich abzugrenzen. Der Stammbaum der Kirchen ist also bunt und weit verzweigt. Die Äste reichen über die ganze Welt.
Angesichts der säkularen Entwicklungen in Teilen Europas fragen sich Menschen, ob die Kirchen nicht gut beraten wären, wenn sie sich wieder vereinigten. Damit ein Rest an Strahlkraft zurückgewonnen würde. Eine Kirche, eine Stimme!
Kirche aber lebt von der Vielfalt. Eine formale Vereinheitlichung widerspricht dem Geist des Evangeliums. Paulus schreibt (1 Kor 12): es wirkt unter Christenmenschen ein Geist, der sich aber in sehr unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen äußert. Angesichts der totalitären Lösungsangebote der politischen Welt kann man das gar nicht laut genug sagen. Christen leben eine Einheit in Verschiedenheit. Pluralität ist ein Geschenk.
Im ökumenischen Weltrat der Kirchen haben 356 verschiedenste Kirchen ein Dach gefunden, die sich in regelmäßigem Austausch befinden. Christen treten in Verfolgungssituationen füreinander ein, sie leiden miteinander und beten für die Welt; und sie feiern immer wieder auch gemeinsam. Der Ökumenische Rat der Kirchen ruft derzeit Menschen christlichen Glaubens weltweit auf, bis zum 4. Oktober die Zeit der Schöpfung zu feiern. Das Thema in diesem Jahr, „Lebensspendendes Wasser“ bezieht sich auf eine biblische Vision von Hoffnung und ökologischer Wiederherstellung.
Christen bilden zudem dynamische Lerngemeinschaften. Der Bilderreichtum der Orthodoxie erinnert daran, wie ästhetisch Glaube ausgedrückt werden kann. Der hohe Organisationsgrad der römischen Katholiken zeigt, wie sinnvoll eine gewisse Struktur sein kann. Das besondere Augenmerk der reformierten Kirchen auf einen sachgemäßen Umgang mit biblischen Texten hilft zur Konzentration auf den Kern der guten Botschaft. Und die fröhliche Gastfreundschaft vieler Freikirchen erinnert daran, dass Jesus niedrigschwellige, wenn gleich ernst gemeinte, Angebote zur Mitarbeit am Reich Gottes gemacht hat.
Schuldekan Martin Lilje